Level 82

Manchmal überkommt mich der Drang, einfach umzudrehen und zu fliehen. Wie heute zum Beispiel. Ich wusste, es ist meine Verpflichtung heute dorthin zu gehen. Hatte jedoch einfach keine Lust und Kraft. Jeden Tag schleppe ich mich die Treppen hoch und lass alles über mich ergehen. Lass alles mit mir machen. Wie eine Marionette an den Seilen der Wirtschaftsmächte. Gesteuert von Geld und Macht.

Ich halte es nicht aus. Ich will frei sein. Frau meiner eigenen Gedanken sein und nicht gezwungen werden mich zu ändern, mich anzupassen, nur weil ich anders bin. Wieso werde ich jeden Tag so gequält? Es zieht mir die Energie aus den Adern. Auch mein Geduldsfaden ist am Reißen. Warum? Um mich sind die Leute so negativ und beschweren sich 24/7 anstatt einfach Dinge positiv zu denken. Diese miese Laune zieht alle runter. Alle. Niemand findet Gefallen darin. Wirklich niemand. Es ist anstrengend alles einfach so hinnehmen zu müssen. So zu tun als wäre alles okay. Derzeit ist kein Ende in Sicht. Es ist schwer kurz vor der Tür zu stehen und an einem Nervenzusammenbruch zu erleiden, weil man den Stress nicht mehr erträgt und das Gefühl hat überflüssig zu sein. Es gibt nichts Schlimmeres als das. Meine größte Freude an jedem Tag, wirklich jedem Tag, besteht darin, am Abend wieder in die frische, kalte Luft zu stapfen. Ich freue mich schon in dem Moment in dem ich meine Augen öffne am Morgen. Endlich wieder aus diesem Gebäude zu fliehen, nachdem man stundenlang die Uhr anstarrt, in der Hoffnung die Zeit würde schneller vergehen. Jede Sekunde fühlt sich an wie ein Monat, ein Jahr. Erst wenn die eiskalte Luft meine Lunge füllt und mein Körper vor Kälte anfängt zu zittern weiß ich, ich lebe. Ich habe einen weiteren qualvollen Tag überstanden.

Heute hatte ich noch die Energie und habe ich mich trotz all dem durch die Tür gewagt, auch wenn ich wusste es wird mich zerstören. Vernichten. Auffressen. Aber was tut man, denn nicht alles um einfach zu überleben? Wie lange dieses Spiel noch vor sich geht und wie viele Level dieses besitzt ist mir unklar. Eines weiß ich, ich befinde mich im Level 82. Wünscht mir Glück, dass es bei 100 ein Ende nimmt.

Dein Schwert vs. mein Herz

Mein Herz blutet immer noch. Es schmerzt so stark. Es ist wie als hättest du erst gestern dein Schwert in mein Herz gerammt. Man sagt bekanntlich ja, – „Zeit heilt alle Wunden“, doch meine Wunde blutet immer noch; und immer noch so stark wie vor einem Jahr.

Vor einem Jahr hast du die Entscheidung getroffen, dich von mir (grundlos) abzuwenden. Nie hast du mir eine Erklärung gegeben wieso du plötzlich und so abrupt den Kontakt abgebrochen hast. Mir fehlt immer noch die Antwort und ich weiß, man sollte nicht nach Antworten suchen die schon so weit in der Vergangenheit liegen. Das Einzige was mir bleibt sind meine Vermutungen. Es tut einfach so weh. Ich bin kein Mensch der gerne auf jemanden zugeht und fragt wieso diese Entscheidung getroffen wurde, auch wenn wir uns einfach unglaublich gut verstanden haben. Tage lang habe ich darüber nachgedacht dir zu schreiben. Ich hab allen Mut zusammengenommen und dir geschrieben. Auf die Frage ob du mich ignorierst hast du nur mit einem „wie kommst du darauf?“ geantwortet.

Wieso tust du mir das an? Wir haben uns auf so vielen Ebenen verstanden und über tiefgründige Musik unterhalten. Wir haben uns gegenseitig auf dem neuesten Stand gehalten über die Dinge die in unserem Leben passieren und jetzt bist du fort. Wie konntest du das einfach so verwerfen?

Gefangen unter dem Glasdach

Alleine und verlassen saß ich auf dem eiskalten Boden in der Halle. Umgeben von tausenden an glücklichen Wesen. Verwirrt blickte ich durch die unendlich große Halle. Überall lachende Gesichter. Nur ich saß alleine und hilflos auf dem Boden. Ich blickte nach oben, über mir in einer sehr unerreichbaren Höhe erstreckte sich das Glasdach. Ganz oben, so weit oben, dass es ein Gefühl von Freiheit in mir auslöste. Obwohl ich mich in einer unendlich großen Halle befand. Ich fand Gefallen darin. Eingesperrt aber doch frei zu sein. Ein für mich unbeschreibliches Gefühl. Doch mein Blick wanderte wieder zum Boden. Ich wich dem möglichen Blickkontakt aus um zu verhindern, dass eine Person einen Blick in meine Seele bekommt. Dieser Gedanke alleine nimmt mir schon den Atem. Ich verspürte wieder den Drang zu heulen. Einfach so, mitten in der Halle vor tausenden vor Menschen. Sie gingen sekündlich an mir vorbei. Mein Blick blieb gesenkt, weiterhin um jeglichen Blickkontakt zu vermeiden. Ich kämpfte gegen die Tränen an. Ein schwerer Kampf den ich letztendlich gewonnen hab.

Nichts brachte mich dazu, aufzustehen. Rein gar nichts. Ich blickte vom Boden, den ich die letzten Minuten fixierte, auf. In der Hoffnung, dass niemand mitbekommen hat wie ich gegen mein Inneres ankämpfe. Ich wagte den Blick nach rechts und plötzlich sah ich, wie du mich hilflos von der Ferne ansahst. Ich wusste in dem Moment, dass du eine Ahnung hattest was in mir vorging. Dein Blick sagte mehr als ich in Worte fassen kann.  Du wusstest irgendetwas stimmt nicht. Ich wollte rennen, weit weg von hier. Niemals wollte ich, dass du mich in dem Zustand sieht. Du warst die einzige Person in diesem Raum die bemerke wie schlecht es mir ging, obwohl wir uns vor einer Stunde glücklich miteinander unterhalten haben. Auch wusstest du, dass nicht du der Grund für dieses Chaos in mir warst. Du wolltest mir helfen, doch du konntest nicht. Die Umstände erlaubten es nicht. Ich stand auf und spazierte durch den Raum. Ich sah dich den ganzen Abend nie wieder.

Das Ende der Dunkelheit

Am Ende des Tunnels sehe ich ein helles Licht so hell, dass ich kaum noch mehr weiß wohin ich gehe. Ich marschiere trotzdem weiter, durch den engen dunklen Tunnel. Mit jedem Schritt den ich mache wird mir bewusst wie ich mich meinem ersehnten Ziel nähere. Langsam aber doch haben sich meine Pupillen an das Licht am Ende des Tunnels gewöhnt. Ich erkenne Umrisse in der Ferne.

Dort in der Ferne erkenne ich ihn, meinen Erlöser. Die Motivation, die mich monatelang begleitet hat – egal wie klein sie noch war – mit jedem Schritt wurde sie größer. Allmählich spüre ich wie mein Gesicht sich entspannt und meine Muskel sich entkrampfen. Ich weiß, dass sich nach all diesen Monaten in denen ich mich durch diesen dreckigen, kalten Tunnel schleppen musste in absehbarer Nähe ein Ende befindet.

Meter für Meter bewege ich mich vorwärts ohne mich von den tiefen, düsteren Stimmen beeinflussen zu lassen. Sie tun mir nichts mehr. Sie schreien mir nach, verfolgen mich – doch ich weiß, dass dort draußen im Licht etwas auf mich wartet, nachdem ich mich schon lange sehne. Ich kann jetzt nicht aufgeben. Ich raffe mich zusammen und sammle meine letzte Energie um mich endlich von der Dunkelheit zu befreien.

Ich verspüre plötzlich Wärme, nach all diesen Monaten in diesem kalten Tunnel. Mein Herz blüht auf. Es kann nicht mehr weit sein. Ich spüre das Blut wieder durch meine Adern fließen. Mein Herzschlag wird schneller. Ich fühle mich plötzlich wieder lebendig. Ich setze den ersten Fuß in das Licht außerhalb des Tunnels, gefolgt von dem Zweiten.

Ein tiefer Atemzug erweckt meine Lunge wieder zum Leben und füllt diese mit einer Frische wie ich sie nie zuvor kannte. Kurz halte ich den Atem an. Mein Herz, es schlägt. Es schlägt so stark, ich spüre es in meinem ganzen Körper. Ich atme den Dreck der letzten Monate wieder aus. Befreie mich von all dieser Dunkelheit. Vor Freude entweichen meinen Augen Tränen. Schwäche. Ich verspüre plötzliche Schwäche, doch ich falle nicht zu Boden. Mein Erlöser fängt mich auf. Ich habe es geschafft.